Weiblicher Bildungsdrang. Gasthörerinnen.

Abbildung: Auguste Schmidt und Louise Otto-Peters, 1871

Ende des 19. Jahrhunderts befand sich die Universität Leipzig im Umbruch: An die bis dahin reine Männerhochschule drängten die ersten Frauen mit ihrem Wunsch nach Bildung. Der Weg zum gleichberechtigten Studium war jedoch steinig. Er begann mit der Zulassung von Frauen als Gasthörerinnen.

 

Bitte einer Frau um Studienzulassung an der Universität Leipzig, 1894
Bitte einer Frau um Studienzulassung an der Universität Leipzig, 1894
1909 schon selbstverständlich: Hörerinnen gratulieren zum Universitätsjubiläum
1909 schon selbstverständlich: Hörerinnen gratulieren zum Universitätsjubiläum
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Die Buchhändlerbörse in der Ritterstraße 12, Ort der Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins im Jahr 1865

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hinter den Bemühungen um das Frauenstudium stand die bürgerliche Frauenbewegung, deren Zentrum Leipzig war. 1865 hatte sich hier mit dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein um die Publizistinnen Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt der erste rein weibliche Verein etabliert. Im Wintersemester 1873 saßen nachweislich die ersten Frauen in den Hörsälen: die adligen Russinnen Elisabetha von Boguslawsky und Lydia von Karganoff. Frauen konnten jedoch als Gasthörerinnen nur dabei sein, wenn der jeweilige Professor es erlaubte. Gerade in der Medizin war es aus Sicht der Männer nicht „schicklich“, Frauen mit nackten Körpern von Patienten zu konfrontieren. Als Gasthörerinnen durften Frauen nicht an Prüfungen teilnehmen und keine zertifizierten Hochschulabschlüsse erwerben. Langsam stieg die Zahl der Frauen in den Vorlesungen, dennoch waren die zumeist bürgerlichen Damen eine Minderheit in der Universität. So waren im Jahr 1879 etwa 3.000 Studenten eingeschrieben, dazu kamen noch 118 Gasthörer – unter diesen waren nur zehn Frauen.

Bei den Professoren der Universität herrschte insgesamt Uneinigkeit, was die Zulassung von Frauen zu Lehrveranstaltungen betraf. Das Kompetenzgerangel mit dem Ministerium um die Frauenfrage sorgte sogar dafür, dass seit 1882 gar keine Gasthörerinnen mehr zugelassen wurden. Erst zum Wintersemester 1896 konnte sich eine Berliner Studentin wieder als Gasthörerin in Leipzig einschreiben. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Bildungschancen für junge Frauen schon erheblich gebessert. In Süddeutschland und Preußen konnten Mädchen bereits das Abitur ablegen und sich an den Universitäten immatrikulieren. Um die Jahrhundertwende wurde die Alma Mater Lipsiensis für Frauen immer attraktiver: Im Jahr 1900 nahmen schon 89 Frauen an den Lehrveranstaltungen teil.