Heilige Frauen und Magister im Zölibat

Abbildung (oben) Maria und die Heilige Barbara im Matrikelbuch des Rektors von 1506

Seit 1409 war die Universität Leipzig eine Hochschule für Männer. Frauen galten als das schöne Geschlecht mit fest zugeschriebenen Rollen: Mildtätigkeit, Frömmigkeit, Mutterliebe. Und doch waren Frauen überall in der Hochschule zu finden – als einflussreiche und kluge Gattinnen, als Köchinnen in den Kollegienhäusern oder als Studentenliebchen.

Kleines Universitätssiegel, Maria mit Jesuskind, um 1430
Kleines Universitätssiegel, Maria mit Jesuskind, um 1430
Luise Adelgunde Gottsched, um 1740
Luise Adelgunde Gottsched, um 1740

Schon das Siegel der Leipziger Universität bildete mit der Gottesmutter eine Frau ab. Die Heilige Hedwig fungierte als Beschützerin des Liebfrauenkollegs, Rektor Thilo von Trotha stellte sich 1506 unter den Schutz der Heiligen Barbara. Reale Frauen waren hingegen an der mittelalterlichen Universität Leipzig unerwünscht. Magister und Scholaren wohnten gemeinsam in den klosterähnlich organisierten Studentenbursen und Kollegienhäusern, wo Frauen mit Ausnahme der Köchinnen keinen Zutritt hatten. Die Magister lebten im

Goethe als jugendlicher Student, 1765
Goethe als jugendlicher Student, 1765

Zölibat – zumindest in der Theorie, denn das Frauenverbot wurde trotz drastischer Strafandrohungen immer wieder umgangen. Nach der Reformation und dank Luthers Vorstellungen von der christlichen Familie konnten auch die Akademiker der Universität endlich heiraten. Die Professorengattinnen waren für die Führung des Haushalts, die Erziehung der Kinder und das religiöse Leben der Familie zuständig. Nicht der Dekan, sondern seine Ehefrau organisierte den Festschmaus für die Promotionen. Seit dem 18. Jahrhundert begnügten sich einige Professorengattinnen nicht mehr mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter. Im Damensalon von Luise Gottsched (1713–1762), Ehefrau des berühmten Leipziger Professors, widmeten sich die Gäste der Literatur, Musik, philosophischen Disputen und modernen Fremdsprachen.
Noch in der frühen Neuzeit erwartete man von den Studenten die Ehelosigkeit. Tatsächlich hatten viele der jungen Männer allerdings eine Liebschaft unter den Bürgerstöchtern der Stadt. So auch Johann Wolfgang Goethe (1749 – 1832), der in seiner Leipziger Studienzeit mit der Wirtstochter Anna Katharina Schönkopf, genannt Käthchen, anbandelte.