»Es ist nicht so, dass man als Frau ohne die Förderung von Männern auskommen kann.«

Interview mit Frau Prof.in Dr.in Dorothee Alfermann,
Professorin für Sportpsychologie an der Universität Leipzig

»Es ist nicht so, dass man als
Frau ohne die Förderung von
Männern auskommen kann.«

Frau Kremer: Wie haben Sie Bildungsgerechtigkeit
oder -ungerechtigkeit persönlich
erlebt?
Frau Alfermann: Ungerechtigkeit habe
ich zunächst einmal überhaupt nicht erlebt,
obwohl ich auf dem Papier schlechte
Voraussetzungen hatte. Ich war ein katholisches
Kind in einer Mehrkinderfamilie
auf dem Land und hatte damals – ich habe
1967 Abitur gemacht – sehr schlechte Karten.
Aber meine Eltern waren anders als
andere, weil sie beide selbst um die Nazizeit
herum Abitur gemacht hatten, aber
nicht studieren konnten. Das hatte zum Teil
politische Gründe, beide haben um die
Nazizeit herum Abitur gemacht, also kurz
vor oder während der Machtergreifung.
Meine Mutter konnte schon aus finanziellen
Gründen nicht studieren, aber dann
hat Hitler auch dieses Gesetz erlassen, wonach
die Anzahl an Studienplätzen für
Frauen drastisch reduziert wurde.
Das heißt, meine Eltern haben aufgrund
dieser persönlichen Ungerechtigkeit, sehr
viel Wert darauf gelegt, dass alle ihre Kinder
die Bildung bekamen, für die sie begabt
waren. So habe ich Bildungsungerechtigkeit
zunächst überhaupt nicht erlebt. Auf
dem Gymnasium habe ich das auch nicht
wahrgenommen. Ich hatte auch Tanten,
die kriegsbedingt alleinstehend waren
und die beide eine akademische Karriere
gemacht hatten. Erst bei meiner ersten
Professur habe ich gemerkt, was an der
Uni Frauen vorbehalten wird.
K: Was meinen Sie damit genau?
A: Sexistische Anmache. Ich habe einen
Fachkollegen gehabt, der als Schürzenjäger
bekannt war und sexistische Anspielungen
gemacht hat. Ich war schon zu
alt für ihn, als dass er physisch geworden
wäre, dafür hatte er die Studentinnen.
Aber solche Erfahrungen habe ich am laufenden
Meter gemacht.
Ich denke, das kam deshalb später, weil
ich dann erst ein competitor war. Damals,
in den 1980er-Jahren, war die Frauenquote
bundesweit ja ungefähr bei fünf bis
sechs Prozent bei den Professuren. Da war
das eben eine besonders exotische Situation.
Aber dieses Gefühl von Exotismus,
das habe ich bis heute immer wieder.
K: Ist das unangenehm?
A: Ich finde das immer sehr unangenehm,
ja. Es kommt aber auch immer darauf an,
in welchem Fach man ist. In Psychologie
waren früher, als ich studierte, circa fünfzig Prozent männliche Studierende. Jetzt
sind es weniger und Männer sind eher die
Exoten. Das macht sich inzwischen auch
bei Professuren bemerkbar. Ich hatte das
Glück, in meiner Universitätskarriere immer
eine Professorin, zumindest eine, zu haben.
Meine Doktormutter war eine und das
war immerhin Anfang der 70er-Jahre.
Meine erste Chefin war auch eine Frau und
deshalb habe ich auch immer das Gefühl
gehabt, dass es etwas völlig normales
ist, wenn man als Frau auf eine Professur
kommt. Aber als ich dann auf der ersten
war, das war in der C3, habe ich gemerkt,
dass die Luft da oben plötzlich ganz dünn
war.
Da fehlte mir die Mittelbauerfahrung,
und ich war auch noch sehr jung, daran lag
sicher auch manches. Ich war unerfahren
und war auch nicht für eine Führungsposition
erzogen worden, und für die Lehre
auch nicht. Was die Lehre betrifft, habe ich
sehr viel von meiner Doktormutter und
von meiner ersten Chefin gelernt.
K: Wie hat diese Erfahrung zum Erlangen
Ihrer jetzigen Position beigetragen?
A: Es war schon ein Kampf, in meine Position
zu kommen, denn Sportpsychologie
ist ein sehr kleines Fach. Es wurde in den
70er-Jahren ausgebaut und ich war eine
der letzten, die noch auf eine Professur gerutscht ist.
Es gab aber natürlich auch Erfahrungen,
die mir Leute aus Berufungskommissionen
berichtet haben, die nicht so toll waren.
Ich würde diese Form der Diskriminierung
in Berufungskommissionen bis heute
unterschreiben. Das hat was mit Frauen zu
tun. Nepotismus ist das eine, es gibt auch
Studien, die zeigen, dass das eine wichtige
Rolle spielt. Und da Frauen oft nicht in
diesen Zirkeln sind, werden sie deshalb
doppelt benachteiligt. Doch dann kam die
Chance hier in Leipzig und es hat auf Anhieb
geklappt. Das war nämlich eine der
ganz wenigen C4-Stellen in Sportpsychologie
in Deutschland, da gibt es nicht viele.
Da musste ich noch nicht einmal vorsingen
und habe trotzdem die Zusage bekommen.
Ich habe also eigentlich sehr positive Erfahrungen
gemacht, denn in der Kommission
waren natürlich nur Männer. Es ist
nicht so, dass man als Frau ohne die Förderung
von Männern auskommen kann.
Das geht überhaupt nicht, denn die sind in
den Entscheidungsgremien. Und Frauen
sind manchmal auch schwierig. Ich habe
auch manchen das Weiterkommen verhindert,
weil ich fand: Das war jetzt nix. Es
ist nicht so, dass wir grundsätzlich Frauen
fördern.
K: Lassen sich Ihrer Erfahrung nach Beruf
und Familie an der Uni leichter verknüpfen?
A: Da ich schon auf diesem Trip in der
Wissenschaft war, fand ich, jetzt musst
du auch weitermarschieren. Beruf und
Familie lassen sich eben immer gut verknüpfen,
wenn man sein eigener Chef ist. Ich habe das Kind auch öfter mal mitgebracht,
auch in Sitzungen, wenn es gar
nicht anders ging, das haben die Kollegen
sicher nicht immer toll gefunden. Ich
fand, dass sich Beruf und Familie in der
Uni leichter verknüpfen lassen. Es hat aber
auch Nachteile, man braucht natürlich auch
eine private Betreuung und außerdem war
im Westen nicht viel Kinderbetreuung.
K: Und wie haben Sie das dann gemacht?
A: Ich habe viel zu Hause gearbeitet, der
Vater hat geholfen, wir haben das irgendwie hingekriegt.
Das zweite Kind war dann zuerst bei
einer Tagesmutter und dann im Kindergarten.
Aber ich habe auch immer noch eine
private Betreuung zusätzlich gehabt, denn
man hat nicht diese Arbeitszeiten, wo man um vier heimgeht. Viele Sitzungen und
Besprechungen dauern eben länger. Ich bin
froh, dass ich diesen Druck schon lange
nicht mehr habe, dass ich das los bin und
jetzt einen freieren Tagesablauf habe.
Mein Jüngster wird jetzt 27. Und mein
Mann ist ja auch nach wie vor die Woche
über nicht so viel da.
Ich weiß nicht, was wirklich besser ist
oder ob sich Beruf und Familie an der
Uni leichter verknüpfen lassen. Man hat
keine festen Zeiten. Man kann eben nie
sagen, dass man jetzt heim muss. Oder
fehlen, weil das Kind krank ist. Auf diese
Idee wäre ich nicht gekommen.
K: Wie hätte das Thema Bildungsgerechtigkeit
auf eine mögliche Karriere im außeruniversitären
Bereich Einfluss gehabt?
A: Am Anfang habe ich gar nicht an Karriere
gedacht und auch Jahrzehnte lang
gedacht, dass der ganze Begriff Quatsch
ist. Aber ich sehe jetzt ein, dass man das hier so nennt.
Als Psychologin macht man Praktika,
das sind meine außeruniversitären Arbeitserfahrungen.
Ich habe zwei Praktika in
Firmen gemacht, jeweils sechs Wochen,
da sieht man einiges. Ich fand schon, dass
das nicht so einfach für Frauen ist. Nachdem
ich promoviert hatte, wollte ich in
der Schiene Forschung bleiben. Und was
macht man da? Man geht an die Uni.
Forschungsinstitute gab es für Psychologie
nicht. Der andere Grund, an die Uni zu
gehen, war, dass mein Vater in der Autobranche
tätig war, in einem mittelständischen
Betrieb mit mehreren Standorten
und ich immer gesehen habe, was er so an
Wettbewerb erlebt. Ich habe immer gedacht,
dass das an der Uni nicht so ist, dass
man da einfach Forschung macht. Ich habe
erst später kapiert, wie da der Wettbewerb
läuft. Ich bin aber froh darüber, an die Uni
gegangen zu sein, denn ich sehe bei Firmen,
dass man eingeschränkter ist und eben die
Forschung machen muss, die die Firma
akzeptiert. Man kann sich nicht selbstständig
seine Themen suchen. Bei aller Kritik,
die da heute auch zurecht existiert, weil
es viele Drittmitteleinschränkungen gibt,
hat man trotzdem noch sehr viel bessere
Möglichkeiten, an der Uni auch freibestimmte
Themen zu wählen.
K: Vielen Dank!